Bei uns gibt es für fast alles Vorschriften. Wir Deutschen bezeichnen uns selbst gerne als „regelverliebt“. Regeln sind wichtig, denn sie sorgen dafür, dass unser Zusammenleben funktioniert. Doch manchmal scheint dabei etwas verloren zu gehen: Menschlichkeit.

Ein kleiner Fehler – zu langsames Anfahren, vergessenes Blinken, eine unklare Bewegung – reicht manchmal aus, um heftige Reaktionen auszulösen.

Aber: Im Auto sitzt kein Regelverstoß. Da sitzt ein Mensch.

Vielleicht hat der andere tatsächlich einen Fehler gemacht. Vielleicht war er unaufmerksam, kannte sich nicht aus oder war in Gedanken? Wir wissen nicht, wie sein Tag bisher gelaufen ist. Und selbst wenn wir es wissen würden: Würde eine aggressive Reaktion irgendetwas besser machen?

Wir können uns entscheiden mit Wut zu reagieren und uns den Tag versauen oder auf den Fehler mit Großzügigkeit zu reagieren – und die Situation vielleicht sogar zu einer netten Begegnung machen.

Nicht jede Regelverletzung ist ein persönlicher Angriff

Jemand nimmt mir die Vorfahrt bei „Rechts vor Links“. Aus „Der hat einen Fehler gemacht.“ macht mein Gehirn „Der hat mich übersehen!“ und dann „Der meint wohl, er ist wichtiger als ich!“ und jetzt bin ich beleidigt und wütend. Dabei fällt in Wirklichkeit den meistens von uns „Rechts vor Links“ ein bisschen schwer. Warum schicken wir unser Gehirn nicht einfach in die andere Richtung und denken „Oh, das habe ich auch schonmal fast falsch gemacht“.

Freundlichkeit ist keine Schwäche

„Kindness matters“ bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen sollen. Es bedeutet auch nicht, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Freundlichkeit kann sehr klar sein. Man kann Grenzen setzen, ohne den anderen herabzusetzen.

Gerade im Straßenverkehr ist das wichtig. Denn Aggression erzeugt häufig weitere Aggression! Aber die gute Nachricht: Umgekehrt funktioniert es genauso. Einer lässt jemanden einfädeln. Einer verzichtet auf seine Vorfahrt, wenn es die Situation erlaubt. Einer bleibt ruhig, obwohl der andere gerade einen Fehler gemacht hat. Kleine Gesten. Große Wirkung. Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst oft Recht zu haben. Es geht darum, gut miteinander auszukommen.

Radfahrer und Autofahrer – eine schwierige Beziehung oder: Warum Rücksicht auf Radfahrer alle sicherer macht

Radfahrer gehören zum Straßenverkehr – genauso wie Autofahrer, Fußgänger und Motorradfahrer. Aber gerade zwischen Auto und Fahrrad entstehen immer wieder Situationen, die unnötig angespannt oder sogar gefährlich werden. Ein Radfahrer fährt langsam, die Straße ist eng, hinter ihm bildet sich eine Schlange – und schon steigt der Druck.

Doch eigentlich ist die Lösung ganz einfach: Abstand halten, Ruhe bewahren.

Der Radfahrer ist kein Hindernis

Der Mensch auf dem Fahrrad möchte genauso wie die Autofahrer einfach nur von A nach B kommen.

Er möchte nicht den Verkehr aufhalten. Er möchte niemanden ärgern. Und wahrscheinlich würde er selbst lieber auf einer sicheren, entspannten Strecke fahren als auf einer Straße, auf der Autos dicht an ihm vorbeirauschen.

Zwei Meter können einen großen Unterschied machen

Beim Überholen eines Fahrrads fühlt sich ein Autofahrer oft sicher, weil er selbst im geschützten Fahrzeug sitzt. Für den Radfahrer sieht die Situation völlig anders aus. Ein Auto, das mit geringem Abstand vorbeifährt, kann sich bedrohlich anfühlen. Schon ein kleiner Schlenker, ein Schlagloch in der Straße oder ein Windstoß kann reichen, um gefährlich nah an das Fahrzeug zu geraten.

Deshalb gilt: Beim Überholen ist Abstand kein Luxus, sondern Sicherheit. Beim Überholen von Radfahrern gilt nach StVO innerorts ein Mindestabstand von 1,5 Meter, außerorts 2,0 Meter. Und manchmal bedeutet ausreichend Abstand auch: Jetzt ist Überholen einfach nicht möglich.

Gerade auf schmalen Straßen wie dem Kirchweg kann es vorkommen, dass ein Fahrrad eine Weile vor dem Auto fährt. Das kann nerven. Aber es ist kein Notfall. Ein paar Sekunden später anzukommen, ist meistens völlig unerheblich. Ein riskantes Überholmanöver kann dagegen Folgen haben, die niemand rückgängig machen kann.

Wer hinter einem Fahrrad warten muss, kann sich deshalb bewusst sagen:

„Ich komme auch eine Minute später noch ans Ziel.“

Das nimmt Druck aus der Situation, denn genau dieser Druck ist häufig das Problem.

Dann wird aus „Warum fährt der denn hier?“ vielleicht ein schlichtes:
„Okay, dann fahre ich eben kurz hinterher! Dafür steht er an der Ampel nicht als Auto in der Wartschlange vor mir und nimmt mir am Ziel vielleicht nicht den letzten freien Parkplatz weg “.

Gelassenheit ist echte Stärke!